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Das Heinefeld im Wandel der Zeiten
historisches zusammengestellt von Klaus-Dieter Kaiser
Vorwort des Verfassers
Es ist an der Zeit, den früher so schlechten Ruf des alten
„Heinefeldes“ in einen geschichtlichen Zusammenhang zu
stellen und damit zu relativieren. Überall in Deutschland nach dem
ersten Weltkrieg wuchs die Arbeitslosigkeit und damit bittere Not und
Armut bei vielen Menschen. Viele in Not geratene und zum Teil
kinderreiche Familien
konnten ihre Miete nicht mehr zahlen und suchten eine „billige“ Bleibe.
Die Stadtverwaltung fand den Ausweg, diese Menschen unter anderem in
die freigewordenen Franzosenkasematten an der Ulmenstraße
einzuweisen. Andere versuchten sich auf dem alten Exerzierplatz
des früheren preußischen Husarenregimentes -dem
Heinefeldniederzulassen. Die verlassenen Munitionsstollen und
Barackenreste der 39.er boten eine willkommene Behausung in freier
Natur. Erste kleine Gärten wurden zur Selbstversorgung angelegt;
noch fehlendes Baumaterial „fanden“ diese Menschen nachts
in der weiten Umgebung.
Unkontrollierte Zuwanderungen aus Südosteuropa - wie Sinti und
Roma - trugen bald weiterhin zum vorhandenen Sozialgefälle bei.
Den Ereignissen von dieser Armutszeit in den trostlosen Sanddünen
vor den Toren der Stadt folgte recht bald eine schöne Besiedlung
(vgl. Inhalt).
Ich
versuche als alter „Heide-Jong“, in dieser kleinen
Broschüre eine geschichtliche Zusammenfassung vom Beginn des
Heinefeldes über die unselige Zeit des „Dritten
Reiches“ und dem zweiten Weltkrieg mit seinen Folgen auch
für das Heinefeld. Aus einer Vielzahl von Kurzdarstellungen
erzähle ich über den Wandel des Heinefeldes bis zur heutigen
attraktiven Wohngegend. Als Ingenieur-Rentner bin ich natürlich
kein Literat oder Historiker, deshalb sehen Sie mir, liebe Leserinnen
und Leser, mögliche kleine Fehler nach.
Zitat Prof. Dr. Guntram Fischer: „Geschichte wird nicht nur
’von den da oben‘ gemacht, sondern wurzelt vielmehr im
Volke unten“.
Ein gutes Beispiel für die Richtigkeit dieser Weisheit sind die
vielen Geschichten und lustigen Mäuzkes über das Heinefeld,
welche sich alte Freunde im ,,Dohlenstübchen“ auf dem
Mühligweg immer wieder erzählen.
Düsseldorf, im Sommer 2006 Klaus-Dieter Kaiser
1. Die Landschaftsbildung
(aus Heimatkunde Prof. Dr. G. Fischer)
Südlich
von Kaiserswerth und südwestlich vom Kittelbach hatte sich in
grauer Vorzeit eine Heidelandschaft gebildet. Es zogen immer wieder
Streiter und mutige Mönche aus Kaiserswerth in dieses Gebiet. Wenn
die Mönche dann nach Verlassen des Klosters durch die weiten und
trostlosen Sanddünen dahin schritten und im Hintergrund die
düsteren Höhenzüge des Aaper Waldes vor sich liegen
sahen, erfaßte sie wohl die Sorge „Wie werden wir wohl
unsere Heimat, das Kloster, wieder finden ?“ Da mag mancher
Mönch inbrünstig gebetet
haben : „Gott hol uns heim!“ So die Überlieferung. In
einer alten Urkunde von 1184 schrieb man die Worte anders:
„Gottholushem“. Später wurde daraus
„Gottholzeshem“ und schließlich
„Golzheim“.
Wahrscheinlich heißt „Golzheim“ aber „Heim des
Gotthold“. Solche „Heim“-Orte finden sich häufig
in unserer Gegend, z.B. Stockum ( = Heim in den Wurzelstöcken )
oder Kalkum (= Kalkheim). Diese und andere nicht auf Personen bezogene
Ortsnamen, soweit sie in der Niedertrasse des Rheins liegen, weisen auf
eine Besiedlung
bald nach der Völkerwanderung um 450 hin. Die mit
Personennamen verbundenen Orte wie Golzheim entstanden aber erst
während der Zweiten Fränkischen Landnahme nach 750. Unser
Rath (-Unterrath) gehörte zu den frühesten Rodungssiedlungen.
Das kann man aus der Entstehung des Königshofes in Rath
(-Unterrath) schließen.
Bei uns wurde nicht in Dörfern gesiedelt, sondern südlich Kaiserswerth in einzelnen Höfen.
Franz Rennefeld berichtete von vielen Altertumsfunden aus unserem
Gebiet. Steinbeile aus Jungsteinzeit fand man an der
Theodorstraße, im Aaper Wald, im Rather Broich, Am Roten Haus und
auf der Golzheimer Heide. Mit diesen Werkzeugen haben etwa von 5000 bis
2500 Jahren v. Ch., Menschen in unserem Gebiet Bäume gefällt
und Wild erlegt. Auch Steinmesser, Schaber und Pfeilspitzen aus der
Jungsteinzeit wurden auf der Golzheimer Heide gefunden.
Um 800 n.Chr. bestand schon eine feste Siedlung in Unterrath (Rath);
das folgt aus einem Fund auf der ,,Beedstraße“. Dort fand
man bei Ausschachtungen einen Graben und in dessen verhärtetem
Schlamm bemalte Tongefäße. Diese Gefäße stammen
aus Pingsdorf bei Bonn, einer Töpferei, welche bereits 881 n.Chr.
von den Normannen zerstört worden war.
2. Peter Korbmacher erzählte vom Kittelbach:
Auch
heute hören Kinder gern Geschichten aus alter Zeit. Es war im
Winter 1916/17, also während des ersten Weltkrieges. Da lief ich
mit meinen Schlittschuhen auf dem Kittelbach in Richtung Kaiserswerth.
Plötzlich sah ich, wie der Turm des Kartäuserklosters
„Haus Hain“ lichterloh brannte. Schnell lief ich hin und
wartete mit anderen Kindern auf die Feuerwehr.
Sie kam fast zu spät: ein Feuerwehrauto war im hohen Schnee
stecken geblieben. Die Feuerwehrmänner pumpten das
Löschwasser aus dem Kittelbach und löschten mit den Spritzen
den Brand. Als kleiner Junge hatte ich im Kittelbach auch schwimmen
gelernt, das war aber verboten. An einem schönen Sommertag tauchte
plötzlich ein Polizist mit einem spitzen Helm auf.
Jemand brüllte: „Dä Putts kütt.“ Schnell
heraus aus dem Wasser, Hemd und Hose geschnappt und fort! Einer wurde
jedoch erwischt, am nächsten Tag legte ihn der Herr Lehrer
übers Knie und versohlte ihm den Hosenboden.
In das früher klare Gewässer kamen im Frühjahr vom Rhein
her viele Fische: Weißfische, Schlammbeißer, Rotaugen,
Neunaugen, und Aale. Ich habe selbst oft Aale mit der Hand gefangen
(Anglerlatein ?)
Heute ist das aus folgenden Gründen nicht mehr möglich:
Vormals floß der Kittelbach durch das alte Kaiserswerther
Rheinbett. Bei Hochwasser des Rheins staute sich der Kittelbach und
machte Kaiserswerth wieder zu einer Insel.
Die Stadtverwaltung verlegte die Kittelbachmündung in einen
künstlichen Wasserfall, über den konnten keine Fische mehr in
den Kittelbach gelangen, selbst wenn es im Rhein wieder welche geben
würde. Die halbe Herrlichkeit des Kittelbaches verschwand zudem
noch unterirdisch unter dem Flughafengelände.
Schade für die Kinder? Nein (!) ein kleiner jedoch sehr
schöner Ausgleich wurde im neuen Kartause-Hain-Park geschaffen.
Der Kittelbach in neuem Bett mit allerlei Getier und Gefieder.
3. Preußischer Exerzierplatz
(frei nach Recherche Klaus.D.Kaiser)
Das
heutige Heinefeld war ein ideales Übungsgelände für das
königliche Ulanenenregiment 39 aus den Kasernen auf der Tannen
Straße. Trommler und Pfeifer übten hier ihre Marschmusik.
Nach den napoleonischen Kriegen wurden immer mehr Gefechtsübungen auf dem Exerzierplatz durchgeführt.
Im nördlichen Bereich des heutigen Krönerweges entstand bald
ein Schießstand; diese Einrichtung blieb über ein ganzes
Jahrhundert bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg erhalten.
Der Architekt Hans Schuster hat in seinem Skizzen-Heft „Mit
Pinsel und Malblock um 1925 durch Unterrath“, unter anderem bei
seinen Wanderungen auch diese Schießstände festgehalten:
Hier wurden an 20 Kugelfängen zunächst die königlichen
Ulanen und später die 39er „Knüfkes“ von der
Tannenstraße zu „ordentlichen“
Infantrie-Schützen gedrillt. Uns Jungens vom Heinefeld war der
Erlös aus dem Aufsammeln alter Patronenhülsen der
Knüfkes eine willkommene Aufbesserung unseres Kirmesgeldes.
Nun wieder zurück zu den königlichen Preußen:
Die Artilleristen wollten den Füsilieren nicht nachstehen, sie
erprobten ihre Geschütze und Kanonen auf dem Heinefeld. Die
militärischen Bedürfnisse machten es erforderlich, für
das Königreich Preußen ein einheitliches Kartenwerk,
über das es bisher nicht verfügte, zu erstellen. Das Vorbild
lieferte Napoleon selbst, dessen Colonel
Tranchot schon ab 1801 die ersten maßstabgetreuen Karten vom damals unter Napoleon besetzten Rheinland angefertigt hatte.
Es waren meist junge Artillerieoffiziere,die zwischen 1836 und 1850 im
Rahmen ihrer Ausbildung bis zu drei Jahre für das Projekt
abkommandiert wurden.
Ausgehend von einem bereits markierten Netz trigonometrischen
Punkten und ausgerüstet mit Wasserwaage, Kompass und
Dipterlineal fertigten sie auf sogenannten „Messtischen“
die Karten dieser Uraufnahme an. Im Sommerhalbjahr wurde gemessen und
skizziert, im Winterhalbjahr mit verblüffender Präzision
„ins Reine“ gezeichnet und mit farbiger Tusche koloriert.
Bei den Karten handelt es sich um das erste „moderne“
Kartenwerk unseres Landes um 1850, eine exakte Bestandsaufnahme der
Landschaft vor der Industriealisierung. Jeder Höhenzug, jeder
Weiler, jeder Forst und Fischteich war präzise eingezeichnet. Das
Wegenetz macht Abstufungen von der Steinchaussee über
gewöhnliche Landstrassen bis zum einfachen Feldweg deutlich.
Die Karten blieben streng unter Verschluss des preußischen
Heeres. auch als sie ihre militärische Bedeutung längst
verloren hatten. Lange lagerten die Karten in der Plankammer des
Potsdamer Stadtschlosses direkt über dem Schlafgemach des
Königs, bevor sie 1919 der Kartensammlung der Staatsbibliothek in
Berlin zugeführt wurden.
Da das altehrwürdige Institut im Ostteil der geteilten Hauptstadt
lag, blieben die kartographischen Kostbarkeiten auch nach 1945 als
„militärische Information“ unter dem Mantel der
DDR-Geheimhaltung verborgen.
Die Karten können nun beim städtischen Katasteramt, Brinckmannstrasse 5 käuflich erworben werden.
4. Das Heinefeld von 1923 -1934
Die französischen Besatzungstruppen hatten 1923 das Ruhrgebiet und
das Rheinland besetzt um die im Vertrag von Versailles festgelegten
Reparationen besser durchzusetzen und zu kontrollieren.
Die Franzosen liessen an der Ulmenstraße ein riesiges Areal
Steinkasematten als Kaserne für ihre Besatzungssoldaten
errichten. Für Ihre Offiziere und Unteroffiziere wurden die
heutigen schönen Häuser im
angrenzenden Winkel Ulmenstraße/Ecke Johannstraße erbaut.
Der Widerstand der Bevölkerung wuchs zusehends, hatten die
Menschen doch selbst wegen Inflation und Arbeitslosigkeit zu wenig zum
„Leben und zum Sterben“. Eine ganze Schar von aktiven
Widerständlern
verbrachten die Besatzer in die Zellen der „Ulmer Höh“.
Es wurden Verbindungswege nach Frankreich zerstört. Auch die
Eisenbahnbrücke hei Kalkum wurde gesprengt. Albert Leo Schlageter
kann man als einen Teilnehmer dieses Attentats ermitteln. Es geht alles
sehr schnell, man will ein Exempel statuieren. Ein Französisches
Kriegsgericht verurteilt Schlageter zum Tod durch erschießen. Am
frühen morgen des 26.Mai 1923 wurde Schlageter auf der Golzheimer Heide in einem Baggerloch erschossen.
Nach Abzug der Franzosen siedelten sich immer mehr erwerbslose
Menschen, u.a. auch Sinti und Roma, in leerstehenden Pulver- und
Magazinschuppen, Stollen und Bretterbuden und Hütten an. Das
Material erstand man zum Teil billig bei einem Abbruch oder -noch
billiger- wenn es nachts einfach „gefunden“ wurde.
Die Stadtverwaltung stand dem Treiben in dieser „wilden Siedlung Heinefeld“ machtlos gegenüber.
Die Behausungen im Sand des alten Exerzierplatzes boten ein trostloses
Bild, heiß im Sommer und bitterkalt im Winter. Nicht einmal eine
Wasserleitung gab es. Nachdem die Wilde Siedlung immer
größer wurde, sind viele
Obdachlose in die frei gewordenen Franzosenkasematten eingewiesen
worden. Dort war die Not bei den armen kinderreichen Familien nicht
geringer als ,,Op de Heid“.
Vor allem die Zigeuner fanden in dem Graphiker und Maler Otto Pankok
(1893 - 1966) einen Freund. Pankok war später Professor an der
Düsseldorfer Kunstakademie. Er war Mitbegründer der
Künstlergruppe „Neues Rheinland“.
Bei „Mutter Ey“ erzählte Pankok oft im Kreise seiner
Künstlerkollegen vom Leben und Treiben in der wilden Siedlung auf
dem Heinefeld; von den Armen und Vergessenen. Vor allem ein alter
Zigeuner hatte es ihm besonders angetan. Der Alte erzählte dem
Maler viel von seiner Sippe und seinen Irrwegen durch Europa. Pankok
war immer mit seinem Skizzenblock unterwegs.
Er war manchmal den ganzen Tag im Heinefeld und versuchte das
schicksalhafte Leben in seinen Bildern aufzuzeigen. Die Zigeunerkinder
nannten Pankok ,,Molari“. Wenn man sie nach ihm fragte lachten
die Kleinen Dunkelhaarigen und Dunkeläugigen und liefen voraus um
zu zeigen, wo man ihn fand: Er -eine imposante Gestalt
mitVollbartthronte mitten in einer verwegenen Atmosphäre, vor sich
eine Staffelei.
Im Jahre 1930 wurde die Not durch Arbeits- und Erwerbslosigkeit immer
unerträglicher. Wer seinen Arbeitsplatz verlor, hatte keine
Aussicht einen neuen zu finden. Die geringe
„Arbeitslosenunterstützung“ reichte oft nicht zum
Notwendigsten. Eine vierköpfige Familie erhielt ca. 18 Reichsmark
in der Woche.
Alois Marschall, ein „Ursiedler“ vom Schlehenweg erzählte:
,,...in vielen nächtelangen Diskussionen drehte es sich meistens
um die gleiche Frage: „Was können wir tun, um aus dieser Not
heraus zu kommen?“
Eines Tages las ich einen plakatartigen Aufruf zu einer Versammlung in
der Eller-Schule mit der Überschrift „Siedeln tut
Not“. Der Verfasser und Initiator war ein Herr August Claasen.
Von dieser, für damalige Verhältnisse wahnwitzigen Idee
angesteckt, kamen etwa 50 neugierige Männer diesem Aufruf nach.
Anton Stenz, ein wortgewandter Redner, stellte das Projekt vor. Doch
als zum Schluß der Veranstaltung eine Liste ausgelegt wurde,
trugen sich zunächst nur wenige Interessenten ein. Für die
anderen waren das alles nur Hirngespinste.
Es folgten weitere Versammlungen in der Privatwohnung von August
Claasen auf der Gerresheimer Straße. Wir trafen uns in
Privatwohnungen und anderen zur Verfügung stehenden Räumen.
Einmal wurden wir sogar von der Polizei umzingelt und auf die Wache
abgeführt.
Unser Entschluß stand bald fest: ein Stück Land mit einem
Häuschen, einem Stall für Kleinvieh sowie einen Garten
für Obst und Gemüse. Die Losung:
>ALLES NATÜRLICH KULTIVIERTER UND SCHÖNER ALS IN DER WILDEN HEINEFELDSIEDLUNG<
Als die Unruhen immer mehr zunahmen und der Siedlungsgedanke immer
weitere Kreise zog, sah sich die Regierung gezwungen, etwas zu
unternehmen.
Ein Siedlungskommissar wurde ernannt und die Gemeinde teilte mit, dass
sie brachliegendes Land und die Stadt selbst als Bauträger
für die geplanten Stadtrandsiedlungen zur Verfügung stellen
wollte. Doch es vergingen viele Wochen und es geschah: NICHTS!
So beschlossen wir zu handeln! Wir versammelten uns auf dem
Spichernplatz und zogen mit Schaufeln und Hacken ausgerüstet zur
Golzheimerheide. Hier entfalteten wir eine fieberhafte Tätigkeit
indem wir anfingen, Baumstümpfe und Wurzeln auszugraben. Die
vielen Schützengräben des 39. Infanterieregimentes wurden
zugeschüttet.
Diese Aktivitäten blieben den Behörden nicht verborgen und
auf Fragen nach dem Zweck unseres Aufmarsches, erhielten sie die
Antwort, dass wir hier siedeln wollen. Und nun geschah etwas für
uns alle Überraschendes!
Das städtische Gartenamt wurde zusätzlich mit der Aufgabe des
Siedlungsamtes betraut, dessen Leitung der Gartenarchitekt Herr
Küchler übernahm. Dann wurde zunächst die Verteilung der
Grundstücke vorgenommen und die Landvermesser steckten die
Straßen und die einzelnen Parzellen ab...
Mittlerweile hatten sich andere Gruppen auch auf dem „Heinefeld“ gebildet, die ebenfalls Häuser bauen wollten.
5. Gründung der ersten Pfarre auf dem Heinefeld
Öffentlichkeitsarbeit „Heilige Familie“ (Auszüge) und Auszüge Wilhelm GoIz
Die Bevölkerung „Op de Held“ wuchs rasant, aber auch
die materielle und seelische Not der Menschen nahm zu. Eine alte
Baracke war 1930 als Kindergarten auf dem Mühligweg von der
Unterrather Pfarre St.Bruno aufgestellt worden - ein Versuch seitens
der Kirche, mit den Menschen des Heinefeldes in Kontakt zu kommen. Im
Advent
1931 hielt Pfarrer Bolten von St.Bruno den ersten Gottesdienst in dieser Baracke. Sie diente fortan sonntags als Notkirche.
Endlich fand sich auch ein eigener Seelsorger. Am 20.Februar 1934 wurde
Kaplan Mathias Beckers zum Rektor des Rektorates „Golzheimer
Heide“ ernannt. Kaplan Beckers kümmerte sich wie ein Vater
um die ausgegrenzten
Menschen, er half wo er konnte.
Besonders dankbar waren die Mütter, dass sie Ihre Kinder in den
Kindergarten auf dem Mühligweg jeweils für ein paar Stunden
in Obhut geben konnten.
Auch der Verfasser war als klitzekleiner Stropp dort im Kindergarten.
Ich erinnere mich, dass ich mit meiner umgehängten Butterbrot-
Blechtrommel „quer über die Heid“ zum Kindergarten
ging. Nur zu oft kam ich mit der leeren Butterbrot-Dose im Kindergarten
an. Dunkelhautige „Räuber“ (Kinder) hatten uns
„überfalIen“ und das Brot
geklaut.
Am 12. Mai 1935 wurde dann endlich unser neu errichtetes Gotteshaus
„Heilige Familie“ mit Kindergarten und Kinderhort sowie
Pfarrheim feierlich gesegnet. Eine reguläre Weihe konnte nicht
erfolgen, weil die Kirche nicht auf kircheneigenem, sondern in Erbpacht
auf städtischem Grund errichtet worden war.
Die Mönche vom Kloster Kartause Hain in Unterrath hatten schon am
22. April 1935 zur großen Freude der Gemeinde zwei neue
Bronzeglocken gestiftet. Weitere Stiftungen kamen hinzu.
Wilhelm Golz erzählt: „Lange bin ich nicht mehr durch die
Straßen der Sorgen auf dem Heinefeld gegangen. Nun habe ich von
Augenzeugen erfahren, was dort passiert ist, wie dort die SS
aufgeräumt hat.
Das Zigeunerlager und die Elendshütten auf dem Heinefeld stand ihr
schon lange im Wege. So ein Schandfleck vor einem
„Heldenmal“, das konnte doch nicht geduldet werden. Diese
Diebe und Messerstecher, dieses schmutzige Volk, eine undefinierbare
Rasse, so etwas mußte verschwinden.
So war dann eines Morgens eine Horde SS-Männer mit Stahlruten und
Knüppeln in das Zigeunerlager gestürmt und hatte die Zigeuner
aus ihren Hütten geprügelt. Die Männer mußten dann
mit Stemmeisen ihre eigenen Behausungen einreißen und verbrennen.
Und wie man das ja von den „Tangokellern“
(Schlägerkeller) gewohnt war, bekamen sie anschließend als
Dank für ihre gute Zerstörungsarbeit eine ordentliche Tracht
Prügel. Schnell kamen Lastwagen vorgefahren, die Zigeuner
mußten sie besteigen, und ab gings. - Wohin ? Mein
Gewährsmann macht ein Kreuzzeichen!
Dem Pastor Becker, der schon so manches Grauenhafte in seinem
Elendsgebiet erfahren mußte, stand der Zorn ins Gesicht
geschrieben. Am folgenden Sonntag wetterte er von der Kanzel....
„Christen“ rief er, und das Wort traf wie ein
Peitschenhieb, und nocheinmal: „Christen! Wenn der Herr über
Leben oder Tod euch am Jüngsten Tag fragen wird, wo sind Eure
Brüder, die Zigeuner vom Heinefeld? Dann werdet ihr ihm keine
Antwort geben können. Aber der Herr wird weiter bohrend fragen: Wo
sind die Zigeuner geblieben?
Dann werdet ihr stotternd und verlegen etwas von SS und dem Führer Adolf Hitler reden, der das alles befohlen habe.
Dann werdet ihr alle vor Scham das Haupt senken und antworten
müssen Herr, wir waren Mitläufer und Duckmäuser in einem
Rudel Wölfe........
Unser Seelsorger Rektor Beckers wurde im Oktober 1940 von der GESTAPO
gefangen genommen, ausgewiesen und verbannt. Das Kirchengebäude
mit Pfarrheim und Kindergarten wurde bei einem schweren Luftangriff am
02.11.1944 stark beschädigt (Zu seiner Ehre und zur Erinnerung
wurde später auf dem Heinefeldplatz eine Gedenkstätte
geschaffen.)
6. Die Neue Siedlung auf dem Heinefeld entsteht 1933
(späterer Name: „Auf der Golzheimer Heide“)
Nachdem die Errichtung der Siedlung am Schlehenweg bereits Gestalt
angenommen hatte, kamen auch ab 1930 die Gruppen vom Heinefeldplatz
„in die Gänge“.
Wie zuvor am Schlehenweg hatte auch das Gartenamt unter der Leitung von
Gartenarchitekt Herr Küchler damit begonnen, die Grundstücke
zu verteilen und die Landvermesser zu beauftragen, die Straßen
und Parzellen zu vermesen und abzustecken.
Um jedoch eine geordnete Entwicklung der zumeist privaten Initiativen
herbeizuführen, machte die Stadt allen
Grundstückpächtern (Erbpacht) die Auflage, das Land zu
kultivieren, den Hauptstrang der Wasserleitung zu verlegen und die
Straßen zu bauen. Zunächst wurde Baumaterial für die
Straßen zur Verfügung gestellt.
Im Frühjahr 1933 waren die Erschließungsarbeiten
abgeschlossen. In einem Bauwagen auf dem Heinefeld wurde die Bauleitung
mit einem Oberbaurat und zwei Architekten eingerichtet, die in der
Folgezeit die Bauleitung übernahmen.
Pro Haus wurden die erforderlichen 25 cbm Kies aus einem nahen
Baggerloch für die Fundamente und Keller mit Schaufeln auf ein
Pferdefuhrwerk geladen und herangeschafft. Bimssteine, Zement und Kalk
wurden von der Stadt angeliefert. Es wurden Gruppen von je 10 Mann
gebildet, sogenannte „Zehnerschaften, zu denen mindestens
3-4 Baufachleute gehörten.
Endlich begannen die Bauarbeiten. Es entstand ein regelrechter
Wettstreit zwischen den einzelnen Gruppen und
Straßengemeinschaften. Im Herbst 1933 waren viele Häuser
schon im Rohbau „bezugsfertig“.
Neben den fleißigen Männern verdienen die Siedlerfrauen ein
besonderes Lob. Neben der Betreuung ihrer Kinder und dem
„spärlichen Bekochen“ der Ehemänner und
Bauhandwerker haben sie Steine abgeladen, Beton und Spiess angemacht
und viele andere Arbeiten verrichtet.
Die Stadt lieferte „Jägerzäune“ mit
Fertigbetonpfeilern und die Siedler friedeten voller Stolz
„Ihre“ Grundstücke ein. Jetzt begannen die
Gartenarbeiten und jeder wollte den anderen in der Bepflanzung mit Obst
und Gemüse übertreffen. Verschiedene Beete mußten
arbeitsaufwendig von Hand mit Kompost und Herbstlaub umgearbeitet
werden, damit über dem Sandboden eine Humusschicht entstand.
Mangels Kanalisation hatte jeder Siedler ein
„Plumpsklosett“, verschlossen mit einem ausrangierten
Kochtopfdeckel. Die Jauchetonne wurde regelmäßig im Garten
entleert, damit Gemüse und Obst prächtig gedeihen konnten.
Gebadet wurde wöchentlich einmal in einer Zinkbadewanne mit einer
Füllung warmem Wasser: in der Reihenfolge Mutter, Vater, dann die
Kinder, der Kleinste (das war ich !) zum Schluß. Federvieh und
Kaninchen hatte fast jeder Siedler. Manche hielten sich auch ein bis
zwei Schweine oder Ziegen und Schafe. Einige wenige unterhielten auch
eine „Deckstation“ (zur Wonne für wbl. Viehzeug) um
das Salär aufzubessern. Später wurden einige auch
Taubenzüchter und hatten z.T. große Erfolge mit ihren Brieftauben bei Wettbewerben.
Wir Kinder fühlten uns wie im Paradies und hatten eine wunderschöne Kindheits- und Jugendzeit.
Zur Ausstellung „Schaffendes Volk“ wurde das hochaufragende
Schlageter-Denkmal in die imposante Gesamtanlage des neuen
Ausstellungsgeländes integriert. (Heute noch bildet der
„Nordpark“ ein herausragendes Park- und Landschaftbild )
Dieser wundervolle Park mit seinen Wasserfontainen und
Wasserlandschaften bis zum Rhein boten „däm
Heide-Jong“ mit seinen Freunden immer ein Abenteuer nach dem
anderen.
Es ging auch im Heinefeld aufwärts ! Die Häuser mussten alle
weiß getüncht werden (Heringsbrühe mit Kalk vermischt),
die Vorgärten wurden herausgeputzt und die unbefestigten
Straßen wurden zu den Wochenenden säuberlich in Kehrmustem
gefegt!
Wehe, wenn es aber regnete; bei Kaisers / Zillekens vor den
Häusern Birkhahnweg 30-32 bildete sich dann ein knietiefer
„See“, herrlich für uns Kinder zum baden! Die
„Ahl Frau Zillekens“ gab dann jodelnd den Ton an und alle
waren quitschvergnügt.
Es bildete sich bald die erste Siedlergemeinschaft unter der Regie des
„Deutschen Siedlerbundes“. Erster Vorsitzender war Herr
Simon Melimer vom Elsternweg. Das erste Siedlerfest ließ dann
nicht lange auf sich warten. In einem großen Zelt ging es mit
Musik und Tanz richtig rund. Kinderfeste mit Spielen und
Wettkämpfen waren selbstverständlich. Es gab eine
Schießbude und der Vorstand hatte für eine Tombola von
Sponsoren gestiftete Preise gesammelt.
7. Unsere Siedlergemeinschaft 1937 - 1945
Die fröhliche unbeschwerte Eintracht der ersten
Jahre war bald zu Ende. Alle Männer hatten zwar wieder Arbeit und
Lohn, aber es wurde in allen Bereichen von den Nationalsozialisten
„Regie geführt“. Das „Führersystem“
durchleuchtete auch unser Heinefeld. „Blockwarte“ und
„Straßenwarte“ hatten „alles im Griff“.
Diese braun und schwarz Uniformierten waren an der Erstellungsarbeit
der Siedlungshäuser jedoch nicht wesentlich beteiligt, weil sie ja
in ihrer ,,Parteiarbeit sehr eingebunden waren. (!?!)“ Jetzt
stolzierten sie anweisend durch die Gegend.
Uns Kindern hat auch diese Zeit Spass gemacht; die Halbwüchsigen
gingen in die „HJ“ und die Mädchen zum
„BDM“ und Jungen in das „Jungvolk“. Wir Kinder
unter 10 Jahren spielten unbeschwert „Soldatenspiele“ bis
alles ab 1939 ernster wurde: Deutschland hatte England, Polen und
Frankreich den Krieg erklärt!
Bald vielen die ersten einzelnen Bomben in die Siedlung und alle
Häuser mußten zur „Tarnung“ gegen Luftangriffe
grün gestrichen werden. Alle Fenster wurden am Abend durch
schwarze Rollos abgedunkelt.
Zu den oben erwähnten „Straßenwarten“ kamen nun
noch „Luftschutzwarte“ zur Kontrolle, ob alles
„schön abgedunkelt war“. Im Rahmen der
Luftverteidigung hatte sich im heutigen Bereich Auerhahnweg / Ecke
Bachstelzenweg eine leichte Flackbatterie mit Horchgeräten und
Scheinwerfern etabliert. (Wer hat heute noch
davon Kenntnis?)
Auf dem ,,Kurt-Hilmerplatz“ (spater
Heinefeldplatz), auf dem Mühligweg und auf der Deikerstraße
wurden zunächst provisorische „Splittergräben“ in
die Erde eingelassen und mit Holzbalken und Erdreich bedeckt.
Später, als die Bombenangriffe immer heftiger wurden, sind 1942
diese Gräben durch unterirdische Betonbunker ersetzt worden.
Ich erinnere mich genau an die schwere Zeit meiner Mutter: zuhause
waren von uns 5 Kindern nur noch mein Bruder Helmut und ich; die
anderen waren an der Front oder an anderen Orten im Kriegseinsatz. Bei
nächtlichem Fliegeralarm holte uns die Mutter aus dem Bett und zog
uns zum Bunker die Kleider an. Wenn sie mich fertig angezogen hatte und
bei Helmut anfing, zog ich mich wieder aus und wollte zurück ins
Bett. Später wurden wir halb angezogen ins Bett gepackt, damit es
schneller zum Bunker ging. Am 02. November 1943 bekam der Bunker auf
dem Heinefeldplatz einen Volltreffer und manche Menschen aus der
Siedlung wurden verletzt oder getötet.
Um den Bombenangriffen zu entgehen, wurden ab 1942 viele Kinder in die
„Kinderlandverschickung“ evakuiert. Am Bahnhof war jeweils
Sammelpunkt für viele hundert Jungs und Mädchen. Alles war
trefflich organisiert. Am Zielort in Mainfranken kamen wir in
Altersgruppen aufgeteilt zunächst in Schulräume, dort
warteten auf uns schon eine Schar „Pateneltern“ und suchten
sich die für sie passenden 9-10 jährigen aus.
Ich hatte „Glück“ und kam zu
„Ortsbauernführer“ Weigand nach Albertshofen am Main.
Für die einheimischen Jungens und Mädchen und uns gab es nur
2 Klassen im „Gemeinschaftsunterricht“! „Us de
Heid“ waren wir zu drei kleinen Burschen in diesem Dörfchen
und trieben dort so manchen Schabernack. Nach einem halben Jahr holten
mich die Eltern wieder ab.
Am 20. April 1943 war es dann soweit (!) wir durften in das KLV-Lager
der Pimpfe aus dem „Jungvolk“. Mit ein paar Jungens aus
Gerresheim wurde unter der Leitung unserer Klassenlehrerin Frau Esser
aus der Volksschule a.d. Kalkumerstraße in Bernbach bei Herrenalb
das „Lager Wü-56“ gebildet. Unser Domizil war das
frühere kleine
Schwarzwaldhotel „zum Grünen Baum“. Es existiert auch
heute noch im Besitz der netten Schwarzwälder Familie. Die
Schulausbildung von uns 10-lijährigen war permanent von einer
„vormilitärischen“ Ausbildung mit entsprechendem Drill
begleitet.
Nach Ende des vierten Schulhalbjahres wurde unser
Lager aufgelöst und einige gingen nach Bd. Wörishofen in ein
neues Gymnasium-Lager.
Ab 1943 waren die Bombardierungen in Großangriffen so
schrecklich, das ein Großteil Düsseldorfs schon
zerstört wurde. Am Nachmittag des 02. Novembers waren 961
viermotorige, schwere britische Bomber der Typen „Lancaster und
Halifax“ mit „Mosquito“ Jägern zum
Großangriff auf den Norden Düsseldorfs gestartet. Nur eine
knappe Viertelstunde nach den „Luftalarm-Sirenen“ brach ein
unbeschreibliches Inferno über den nördlichen Stadtteilen
herein: Von 19.05 Uhr bis exakt 20.27 Uhr warfen die Bombergeschwader
560 Luftminen, 5.350 Sprengbomben, 220 Phosphor- und 15.500
Stabbrandbomben ab.
Die Bilanz des Schreckens: Düsseldorf erlebte insgesamt 243 Luftangriffe, (der schlimmste Pfingsten 1943 mit 1.200 Toten).
Für die obdachlos gewordenen Menschen wurde von der
„Gauleitung“ plötzlich wieder das Heinefeld für
Soziale Zwecke neu entdeckt: (!) Überwiegend sowjetische
Kriegsgefangene errichteten unter bewaffneter SA-Aufsicht insgesamt 18
Holzbaracken. Die Baracken waren circa 36 x 10 m groß und boten
Platz für bis zu 20 Familien mit Kindern Die russischen
Kriegsgefangenen bekamen von uns öfter Brot u.A. zugesteckt, aber
man durfte sich nicht dabei erwischen lassen weil es bei Strafe
verboten war.
Interessanter für uns war die fast gleichzeitige Errichtung von
kleinen „Behelfsheimen“ mit kleinen Gärtchen auf der
Westseite der Deikerstraße. Diese Häuschen (im Volksmund
„Vogelhüskes“) waren viel humaner und würdiger
als die riesigen dunklen Baracken auf dem Heinefeld. Diese
„Hüskes“ wurden von kriegsgefangenen Italienern
erstellt.
Diese ehemaligen „Bardoglio“-Soldaten hatten schöne
Sterne an ihren Uniformen und wir konnten sie gegen
„Fressalien“ eintauschen. Eintauschen war ja sowieso bei
Alt und Jung sehr groß in Mode. Wir Jungens sammelten
Bombensplitter und tauschten, was das Zeug herhielt. Besonders begehrt
waren Aluminium-Splitter von abgeschossenen Bombern oder Jägern.
Wegen der ständigen Evakuierung kann ich natürlich nicht viel
selbst Erlebtes aus den letzten Kriegstagen des Heinefeldes
erzählen. Ich erlebte das Kriegsende und die Deutsche Kapitulation
in Karlstadt am Main beim Einmarsch der amerikanischen Armee. Weil ein
ordentlicher Schulalltag gar nicht möglich war vertrieben wir uns
die Zeit bei den Amis. Mein bis dahin sehr spärliches
Schulenglisch wurde durch die Yankees stark amerikanisiert, sehr zum
Leidwesen meiner späteren Englisch-Lehrer.
8. Wiederaufbau und Neuanfänge in der Siedlung 1945/48
Der 10. Mai 1945; endlich war der schreckliche Krieg
beendet. Die Stadt war nahezu vollständig zerstört. Von
manchen Stellen des nördlichen Derendorfs aus konnte man mit
freiem Blick bis zum Bahnhof schauen. Spreng- und Brandbomben der
Alliierten und immer wieder verheerende „Luftminen“ hatten
„ganze Arbeit geleistet.
Der Artilleriebeschuß kurz vor der Kapitulation hat noch weiteres Not und Elend gebracht.
Britische Truppen der 21. Heeresgruppe Montgomery hatten das
verwüstete Düsseldorf befreit und besetzt. Befreite ehemalige
Kriegsgefangene zogen oft marodierend umher und machten alles noch
unsicherer. Wieder stellte sich Hunger und Elend ein.
Auch das Heinefeld war von Kriegsschäden nicht verschont
geblieben, aber die Zerstörungen hielten sich hier im Heinefeld in
Grenzen. Der schwarze Markt blühte an allen Ecken. Der Kleverplatz
war dabei Dreh- und Angelpunkt in Düsseldorfs Norden.
Hauptwährung waren amerikanische und britische Zigaretten das
Stück für 12 Reichsmark. Eine „Gedrehte“
aus den Resten des Deutschen Tabakanbaus kostete 3-5 Reichsmark.
Mit der Grundbasis dieser Ersatzwährung wurde fast alles
verschoben und bei Hamsterfahrten mit den hoffnungslos
überfüllten Eisenbahnzügen wurde bei den Bauern am
Niederrhein, im Münster- und Sauerland alles gegen Speck, Mehl und
Eier eingetauscht. Manch besonders Findige hatten sich vorher noch mit
Salz und Pfeffer eingedeckt und wurden bei den Bauern ob ihrer
Kostbarkeit immer zum - „schwarz“ - Schlachten
sehnsüchtig erwartet. Unser Vater „Kalla“ zeichnete
sich hierbei auch einmal mehr durch eine besondere Cleverness
aus.
Beim Wiederaufbau zerstörter oder teilzerstörter
Siedlungshäuser zeichnete sich u.a. die fromme, katholische
Familie Schneider vom Elsternweg besonders positiv aus. Kriegerwitwen
wurde spontan und unentgeldlich geholfen. Die Schneiders waren
geschickte Maurerhandwerker und das Material wurde in
Nachbarschaftshilfe
„besorgt“.
Auf diese Art und Weise war der alte „Pionier- und
Organisationsgeist“ im alten Heinefeld wieder >jetzt
freiheitlich /demokratisch<, bald wiedergeboren.
Unser Vater (Karl „KalIa“ Kaiser), rannte nun fortan den
neuen Stellen in der Stadtverwaltung die Bude ein: „Es wird
dringend Zeit, dass die immer noch provisorischen Straßen und
Grundstücke in der gesamten Siedlung endlich an das
Öffentliche Kanalnetz angeschlossen werden.“ Auf diesem Wege
sollten auch alle Straßen asphaltiert und mit Laternen
bestückt werden.
Mit „Vereinten Kräften“ der Siedlergemeinschaft wurde
dieses Projekt als oberstes Anliegen der Siedler so oft vorgetragen bis
es später endlich realisiert wurde. Dieses Motto gilt auch heute
noch eher wie je zuvor:
Einigkeit macht stark!
So
wurstelte sich in der alten Reichsmarkzeit alles so hin, bis es 1948
mit der Währungsreform zu einem wirklichen Neuanfang auch in
unserer Siedlung kam.
9. Neubesiedlung im Kern des Heinefeldes
Zumindest bis 1948 wurde das Erscheinungsbild im Kerngebiet des
Heinefeldes zwischen dem heutigen Auerhahnweg, Bachstelzenweg und
Reiherweg von den achtzehn dunklen und riesigen Hozbaracken
geprägt.
Meine Versuche, Fotos dieser Barackenzeit zu ergattern, war in allen
Düsseldorfer Stadt-und Landesarchiven ergebnislos. Bei der
Errichtung der Baracken 1943 waren keinerlei Vermessungsarbeiten oder
ähnliches durchgeführt worden, man hatte 1943 ja auch anderes
zu tun als sich um „bürokratischen Kleinkram“ zu
kümmern.
Auch nur ganz wenige der heutigen Bewohner konnten mir bei den
Recherchen zu den Baracken vor ihrer Zeit helfen, sie sind ja auch
schon zum größten Teil die Folgegeneration der damaligen
Neusiedler seit 1948 auf dem Heinefeld!
Beim sehr gut geführten Katasteramt der Stadt wurde ich
fündig: Die erste genehmigte Luftaufnahme aus dem Jahre 1958 zeigt
erstaunliches: Die beiden letzten Überbleibsel aus der Folgezeit
der schrecklichen Bombennächte auf die Stadt, Baracke 12 und
Baracke 18 standen noch mindestens bis 1958.
Aus Interviews mit Zeitzeugen möchte ich erzählen: Frühe
Flüchtlinge aus dem Deutschen Osten und andere Heimatvertriebene
fanden zusammen mit Bombengeschädigten auf dem ehemaligen
„Zusatzbzw. Grabeland“ der Altsiedler die Möglichkeit
zu bauen. (Dieses Zusatzland nutzten die Altsiedler mit Genehmigung der
Stadt zum
weiteren Anbau von Obst und Gemüse in schlechten Zeiten).
Zunächst fing man klein an, natürlich z.T. ohne Kanalisation.
Stromund Wasserleitungen gab es ja noch aus der provisorischen
Barackenbebauung. Die Stadt hatte unbürokratisch geholfen, zumal
auch ehemalige Widerstandskämpfer bzw. KZ-Insassen unter den
Bewerbern waren, wurden Grundstücke parzelliert und in Erbpacht
verteilt. Im Laufe der Zeit verschwanden die meisten Baracken und der
„Bauboom“ konnte los gehen.
Im Fortschritt des Abrisses der alten Holzbaracken entstanden aus
einfachen Anfängen immer mehr schmucke Häuschen und dieser
Teil der Siedlung fügte sich immer mehr und harmonisch in das
Gesamtbild der „Siedlung Auf der Golzheimer-Heide“ ein.
Heute ist ein Teil der zweiten Generation der Neusiedler wie
selbstverständlich Mitglied in unserer Siedlergemeinschaft. Und
das „alte“ Heinefeld gerät immer mehr in Vergessenheit.
10. Bedeutung der Straßennamen in unserer Siedlung
Die Vogelarten welche den meisten Straßennamen unserer Siedlung
zu Grunde liegen sind hinlänglich bekannt. Wem ist aber z.B. der
Begriff „Piwipp“ bekannt? Die Herren Kleinfeld und
Neidhöfer haben sich in einer Sisyphus Arbeit an das Thema gemacht
und die Bedeutung aller Düsseldorfer Straßennamen
aufgeschrieben. Für Interessierte möchte ich in der Folge
dieses Abschnittes einen kleinen Teil dieser Arbeit in alphabetischer
Reihenfolge der Siedlungsstraßen aufschreiben:
An der Piwipp (zwar nicht im Heinefeld, aber dort spektakulär!) Von Lemgoerweg bis Kalkumerstraße
Benannt am 22.03.1913. Eine am Niederrhein nicht seltene
Flurbezeichnung, wahrscheinlich vom Kiebitzruf abgeleitet. Nach einer
anderen Lesart und noch wahrscheinlicher bezieht sie sich auf „Bi
de Wipp“ = am Schlagbaum.
Auerhahnweg Von
Deikerstraße bis Bachstelzenweg. Benannt im November 1945. Der
Auerhahn, bis Schwanz ein ca. 90 cm langes Rauhfußhuhn, in
Mitteleuropa fast ausgerottet.
Bachstelzenweg Von Auerhahnweg bis Reiherweg. Benannt im November 1945. Sich an heimischen Gewässern aufhalten der Vogel.
BrachvogeIweg Von Deikerstraße bis Heinefeld, benannt am 10.02.1932. Brachvogel, Zugvogel, in Deutschland selten als Brutvogel heimisch.
Buchfinkenweg Vom
Mühligweg bis Birkhahnweg, benannt am 26.08.1993. Buchfink,
mittelgroßer Singvogel mit kegelförmigem Schnabel, in Europa
und Westasien heimisch.
Deikerstraße Von
Deikerstraße bis Heinefeld, benannt am 10.02.1932. Johann
Christian Deiker (geb. in Wetzlar 1822, gest.1892 in D‘dorf)Bildnis- und Tiermaler, seit 1868 in Düsseldorf lebend.
Diezelweg Von
Thewissenweg bis Krönerweg, benannt am 10.02.1932. Karl Emil
Diezel (1779-1860), 1816 - 1852 Revierförster, Jagdschriftsteller„Erfahrungen aus dem Gebiet der Niederjagd“.
Dohlenweg Von Birkhahnweg bis Mühligweg, benannt im November 1945. Dohle, zur Familie der Rabenvögel gehörend.
Dompfaffweg Von
Deikerstraße bis Dohlenweg, benannt am 24.02.1994. Dompfaff
(Blutfink, Gimpel) in vielen Teilen Eurasiens vorkommenderFinkenvogel mit rotbraunem Gefieder und schwarzer Kopfkappe.
Elsternweg Von
Heinefeldplatz bis Diezelweg, benannt am 10.02.1932. Elster, Rabenvogel
mit langem Schwanz und gelb- blauschwarzem Gefieder, Nesträuber
und Allesfresser. Lebt in Europa, Asien und imwestlichen Nordamerika.
Fasanenweg Von
Reiherweg bis Bachstelzenweg, benannt im November 1945. Fasan (
Phasianinae) nach Phasis, einem Schwarzmeerzufluß benannter
farbenprächtiger Bodenvogel, der sich von Beeren, Körnern
und Insekten ernährt.
Heinefeldplatz Zwischen Brachvogelweg / Elsternweg und Birkhahnweg, benannt am 10.02.1932.
Von 1936 - 1945 als Kurt Hilmerplatz, dann ab November 1945
Heinefeldplatz. Flurbezeichnung nach dem ehemaligen Besitzer dieser
Gemarkung namens HEINE „Am Heinefeld“.
Krönerweg Von
der Deikerstraße bis An der Golzheimer Heide, benannt am
10.02.1932. Christian Kröner, (1838 - 1911) Jagd- und
Landschaftsmaler. Prof. an der königlichen Kunstakademie bis 1863
zu Düsseldorf. Magda Kröner, (1854 Rendsburg bis 1935
Düsseldorf) gehörte zur berühmten Düsseldorfer
Malerschule und war seit 1883 mit Christian Kröner verheiratet.Sie schuf u. a. weltberühmte Stilleben mit Wiesenblumen.
Merlinweg Vom
Heinefeldplatz aus bis Wendehammer, benannt am 24.2.1994. Merlin,
kleinster europäischer Falke. Schiefergraue Oberseite mit brauner
Genickbinde und Unterseite. Schwanz grau mit schwarzerEndbinde.
Mühligweg Vom
Schwalbenweg bis An der Gotzheimer Heide, benannt am 10.02.1932 Hugo
Mühlig, (1854 in Dresden - 1929 in Düsseldorf)
Landschaftsmaler mit besonderer Vorliebe für den Niederrhein und
die Dünen der
Heidelandschaft lebte seit 1881 in Düsseldorf. Dort studierte er
an der königlichen Kunstakademie und war über Jahrzehnte
Professor der Akademie. Er begründete mit Malerkollegen zusammen
die berühmte „Düsseldorfer Malerschule“. Es
entstanden von ihm viele berühmte Meisterwerke wie
„Herbstliche Allee mit Spaziergängern um
1885“, „Markttag“ um 1891, „Die
Gänseliesel“ und „Heimkehrende Musikanten im
Winter“ um 1897. Die meisten detailgenauen Werke in Öl auf
Holz.
Otto-Pankok-Straße Am
Hackenbruch in Eller. Diesem, dem Heinefeld sehr verbundenen Maler und
Professor der Düsseldorfer Kunstakademie blieb leider versagt,
dass nach ihm eine Straße auf dem Heinefeld benannt wurde. Bei
der ersten Namengebungs Aktion auf dem Heinefeld im Februar 1932
vergaß man ihn einfach. Im Jahre 1937 erhielt der Professor als
„Entarteter“ von den Nazis Malverbot. Erst am 26.01.1984
ehrte manihn posthum durch eine Straßenbenennung in Eller.
Reiherweg Vom
Auerhahnweg bis Bachstelzenweg, benannt im November 1945. Reiher
(Ardeidae), Familie der Stelzvögel mit rund 65 weltweit
verbreiteten Arten. Bei uns an Süßgewässern und
Baggerlöchern brütendund lebend. Bevorzugt im Heinefeld die Zierfische der Siedler!
Rotkehlchenweg Vom Birkhahnweg zum Birkhahnweg, benannt am 24.02.1993. Rotkehlchen, einheimischer Vogel aus der Familie der Turdinae. ln Wäldern aller Art, Parks und Gärten zuhause.
SchwaIbenweg Vom
Auerhahnweg bis Fasanenweg, benannt im November 1945. Schwalben,
weitverbreitete, rund 75 Arten umfassende Singvogelfamilie. Im Altertum
wurden Schwalben von Kindern als singende Frühlingsboten
begrüßt; ihr Erscheinen soll Glück bringen und ihre
Nestersollen vor Blitzschlag schützen.
Thewissenweg Von
der Kalkumer- bis zur Danzigerstraße, förmlich festgestellt
am 13.12.1893. Nach einem früheren Ansiedler Thewia, dessen Namen
auf den biblischenNamen Mätthäus zurück geht.
Wildentenweg Vom
Birkhahnweg bis Fasanenweg, benannt im November 1945. Wildente, ein
Schwimmvogel aus der großen Entenfamille. Häufig anzutreffen
auf Teichen, Bächen und Flüssen in aller Welt.
11. Vorzeitiges Ende der Erbpachverträge ab 1982 und Beginn der Parzellenverdichtung a. d. Heinefeld
Alle Erbpachtverträge zwischen den Siedlern und der Stadtverwaltung Düsseldorf hatten eine Laufzeit von 99 Jahren.
Das bedeutete, dass z.B. die 1933 abgeschlossenen Pachtverträge
mit sehr kleinen monatlichen Pachtabgaben bis zum Jahre 2032
Gültigkeit gehabt hätten.
Wegen einer Reihe von städtebaulichen Maßnahmen wurde es
erforderlich, manche Grundbesitzer zu enteignen. Für diese
„Projektverdrängten„ suchte die Stadt neue
Grundstücke.
Die Verwaltung fand u.a. folgende Lösung: man bot den
Erbbau-Siedlern an, jeweils die Hälfte der gepachteten
Grundstücke zu äußerst günstigen Preisen und
-Zahlungsmodalitätenzu kaufen und die andere Hälfte an
Projektverdrängte und Siedlernachkommen zu verkaufen.
Die meisten Siedler entschlossen sich zum Kauf ihrer
Grundstückshälfte. Es dauerte eine Weile bis die
Bebauungspläne für die freigewordenen Grundstücke
erstellt waren.
Nach einer Welle von Grundstücks-Bewerbungen entstand eine rege
und zum Teil eigenartige Verteilung der Grundstücke in unserer
Siedlung. Es wurden nicht nur „Projektverdrängte“ oder
„Nachkommen von Altsiedlern“ berücksichtigt.
Dem Verfasser wurde zum Beispiel vom Liegenschaftsamt ein
Grundstück auf dem „Hellerhof“ angeboten! Erst der
energische Protest mit Nachweis auf dubiose Vergabemethoden führte
zum Erfolg; nicht zuletzt, weil ich mir auch der Fürsprache von
Ratsherren - damals Mitglieder im Liegenschaftsausschuß - sicher
sein durfte. Es war bald klar, dass wir nicht zu den
supergünstigen Preisen unsere Grundstücke erwerben konnten
wie die Altsiedler, sondern unser Kaufpreis lag um mehr als das
Dreifache höher, aber immer noch erfreulich angemessen.
Ab 1985 ging es auf dem Reiherweg und Auerhahnweg richtig los. Es
entstanden viele schmucke neue Häuser. Manche
„Altsiedler“ waren über diese Neuerung natürlich
nicht sehr glücklich, rückte doch durch die
Parzellenverdichtung alles mehr zusammen. In der Folge wurde alles
jedoch sehr harmonisch zumal sich ein Teil der „Altsiedler“
und der „Neusiedler“ aus der Kindheit kannten. Heute leben
alle in Eintracht „Op de Heid“ zusammen und die Siedlung
hat sich insgesamt längst zu einem durchaus attraktiven Wohngebiet
entwickelt.
Die „Siedlergemeinschaft Auf der Golzheimer-Heide“ hat auch
profitiert, durch die Parzellenverdichtung ist die Mitgliederzahl
mittlerweile auf über 150 Siedlerfamilien angewachsen.
Über die Baumaßnahmen jedes Einzelnen und manche daraus
resultierende positiven und auch negativen Erlebnisse könnte
bestimmt so manche Episode berichtet werden, aber die gehören in
die vier Wände der ‚Neusiedler“. (?)
Fortsetzung folgt
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